Kaffeemaschinen als Statussymbol

Kaffeemaschinen als Statussymbol

Sie zählt immer noch zu den liebsten Haushaltsgeräten der Deutschen: die vollautomatische Kaffeemaschine. Doch der klassische Filter-Brüher hat ausgedient. Inzwischen sind Kaffeeautomaten Hightech-Alleskönner in hochwertigem Design. Mit einigen von ihnen kann man inzwischen sogar richtig angeben.
Es war wie die Premiere eines Supersportwagens. Als Siemens sein jüngstes Produkt präsentierte, wurde Champagner gereicht, der Chefdesigner pries die Sinnlichkeit der Linien, die Leiterin der Entwicklung hob besonders Beschleunigung und Konstanz der Leistungsentfaltung hervor. Dabei ist der EQ 7 nicht etwa ein neuer Zwölfzylinder, sondern eine Kaffeemaschine. Ein simples Haushaltsgerät, dem Marketingstrategen die Rolle eines Objekts der Begierde zugedacht haben.
Die Idee ist nicht so verwegen. Zwar erlebte Kaffee in den vergangenen Jahrzehnten einen Niedergang wie kein anderes Genussmittel. Die Älteren erinnern sich noch an Omas leckeren Handgefilterten. Die heute 30- bis 40-Jährigen dagegen wurden mit dunkelbrauner Plörre sozialisiert, die billige Maschinchen aus Massenware produzierten. Die nannte sich zwar großmäulig Gala oder Krönung und wurde in TV-Spots an festlichen Tafeln ausgeschenkt, schmeckte im richtigen Leben aber zum Speien.
Dann kamen die Coffeeshops. Die muss man nicht mögen, mit ihrer Uniformität und dem albernen Englisch-Deutsch-Sprachmix. Dass sie eine Renaissance des Kaffees einläuteten, ist aber unstrittig. "Noch in den 70er-Jahren gab es bei uns rund 2000 Kaffeeröstereien. In den 90er-Jahren sank die Zahl auf unter 200, heute sind es schon wieder 350." Der Wasserburger Kaffeeröster Klaus Rechenauer ist Vorstandsmitglied im Deutschen Spezialitätenkaffeeverband und der Deutschen Röstergilde und schaut optimistisch in die Zukunft. "Bisher haben die kleinen Röster mit ihren Spezialitäten nur einen Marktanteil von 0,5 Prozent, aber da liegt ein erhebliches Wachstumspotenzial." Schließlich sei es vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen, hierzulande Kaffeekurse anzubieten, wie es sie an der Berlin School of Coffee und in der Hamburger Speicherstadt gibt.
Momentan allerdings denkt der Durchschnittskaffeetrinker bei Jamaica Blue Mountain noch eher an Reggae als an edle Bohnen. Er ist viel zu sehr mit der Frage befasst, ob er den Latte macchiato lieber mit Karamell- oder Haselnusssirup aromatisiert und deshalb noch nicht reif für sorten- und lagenreine Kaffeespezialitäten. Stattdessen rüstet er fürs Erste technisch auf. Mehrheitlich mit Vollautomaten, die auf Knopfdruck Milchkaffee produzieren und über ein Display melden, was ihnen gerade fehlt und wo sie gereinigt werden möchten. Sie sind der Verkaufsrenner in den Elektronikmärkten. Der aktuelle GfK-Temax, ein von der Gesellschaft für Konsumforschung erstellter Index zum Markt technischer Gebrauchsgüter, weist für den Bereich der "Hot Beverage Maker" im zweiten Quartal 2008 einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich aus. Für die lässt der Kunde durchschnittlich 600 Euro an der Kasse, wie eine frühere Untersuchung der GfK ergab.
Das darf gerne noch etwas mehr werden, meinen die Hersteller. Die nämlich haben das Potenzial ihrer Maschinen als Statussymbol erkannt und forcieren eine Klassengesellschaft der Kaffeetrinker: ganz unten jene, die simple Pad-Maschinen mit konfektionierten Pulverportiönchen betreiben. Darüber eine breite Mittelschicht, die sich die alugrauen Plastikkisten mit, immerhin, schon eigenem Mahlwerk leistet. Schließlich die Oberschicht, die von allem etwas mehr will: mehr Technik, mehr Design, mehr Schnickschnack. Die erwähnte Siemens EQ 7 beispielsweise soll, neben Klavierlack und schickem Lichtdesign, auch tolle innere Werte haben. Sie steht ab September zu Preisen zwischen 1149 und 1499 Euro bei den Händlern. Gaggenau hat, für deutlich über 2000 Euro, eine Maschine im Programm, die erst gar nicht herumsteht, sondern sich in die Front einer Designerküche komplett integrieren lässt. Krups verspricht zur neuen Espresseria Automatic 8080 (899 Euro) "VIP-Service". Zumindest bis die Garantie abläuft. Der Schweizer Spezialist Jura schließlich präsentiert auf der Ifa seine Signature Line: Die ist, so die Ankündigung des Unternehmens, "in aufwendiger Handarbeit mit hochwertigen Materialien wie Rhodium, Edelhölzern und Leder veredelt". Auch Swarovski-Applikationen sind zu haben.
Die Dinger werden sich verkaufen, so lange zumindest, bis die Deutschen feststellen, dass die milchschaumfreie Variante des Kaffees die eigentlich spannende ist und qualitativ hochwertige Bohnen im Filter eine weitaus genussträchtigere Investition sind als Glitzersteinchen am Gehäuse. In den USA hat das Umdenken bereits eingesetzt. Dort trinken Kaffeeliebhaber immer häufiger zu Hause sortenreine Kaffees, die, trotz teilweise abenteuerlicher Preise, im Handel bereits einen Marktanteil von fünf Prozent erreichen. Oder sie gehen in Cafés, die diese Qualität bieten.
Kürzlich gab es dort viel Rummel um eine neuartige Kaffeemaschine namens Clover. 11 000 Dollar teuer und von ein paar Stanford-Absolventen in einem Schuppen in Seattle entwickelt. Sie bereitet klassischen Filterkaffee. Tasse für Tasse einzigartig präzise: mit grammgenauer Dosierung des Kaffeemehls, in Zehntelgrad einstellbarer Wassertemperatur und auf die Sekunde programmierbarer Brühzeit. Und der Option, die perfekten Parameter für jede Kaffeesorte via Ethernet-Verbindung zu speichern. Edle Kaffees, in einer Clover zubereitet, sind das Nonplusultra, urteilten Fans und Experten. Dann kaufte Starbucks den Hersteller auf, um die Maschine exklusiv für sich zu haben - und mit ihr ein neues Zugpferd für den schwächelnden Heimatmarkt. Vorerst 80 Filialen sollen bis Jahresende mit ihr ausgestattet werden, die ersten sind es bereits. Tester zeigten sich enttäuscht: Wunder blieben aus, Starbucks' Kaffee schmeckte auch aus einer Clover wie Starbucks.
Es macht eben, so die Lehre auch für die stetig wachsende Gemeinde der deutschen Kaffeeliebhaber, tatsächlich wenig Sinn, einen Ferrari zu kaufen. Und dann an der Tankstelle zu knausern.